
Interview mit Jenny und John Jürgens
John, Ihr Vater Udo Jürgens gewann mit dem Lied „Merci Chérie“ vor 60 Jahren den Grand Prix. Welche Erinnerungen verbinden Sie mit dem Lied?
Erinnerungen setzen sich ja oft aus Erzählungen und Bildern zusammen – besonders aus der Zeit, als man selbst zu klein war. Meine Mutter erzählte mir, dass sie mich als Zweijährigen auf dem Schoß hatte, während sie die Show im Fernsehen sah. Später wurde diese Szene auch in seinem Buch „Der Mann mit dem Fagott“ und im zugehörigen Film thematisiert. Durch diese Beschreibung und die Filmsequenz setzt sich das Bild im Kopf schließlich wie ein Mosaik zusammen.
Das 60. Jubiläum von „Merci Chérie“ feiern Sie mit einer Picture Disc. Wie kam es zu der Idee?
Wir haben die Entscheidung als Team getroffen. Mit der Picture Disc wollten wir ein besonderes Highlight für die Fans schaffen; durch das Design mit den Fotos von Hansi Hoffmann wird die Single so zu einem echten Sammlerstück, das die Musik meines Vaters auch optisch würdigt. Ich finde das Foto großartig, auf dem er am Klavier sitzt, und man im Hintergrund die Punkteliste sieht. In einer Zeit, in der fast nur noch gestreamt wird, wollten wir den Fans – gerade unserer Generation – wieder etwas Reales zum Anfassen geben. Klar, die Idee einer Foto-Vinyl ist nicht neu, aber man muss sie eben konsequent und hochwertig umsetzen. Zu unserem Team gehören PR-Spezialisten und Profis der Plattenfirma, aber natürlich auch wir, die Familie. Wir tauschen uns dabei sogar mit der nächsten Generation aus – unsere Kinder sind ja inzwischen Mitte zwanzig. Besonders unser Sohn Dennis bringt sich hier aktiv ein. Uns ist dieser generationsübergreifende Blick wichtig, um das Erbe meines Vaters zeitgemäß und lebendig zu halten.
Wie hat Ihr Vater diesen magischen ESC-Abend empfunden? War es für ihn im Rückblick der schönste Moment seines Lebens?
Mein Vater sagte immer: Auf die Frage nach dem größten Moment seines Lebens hätte er wohl antworten müssen: „Die Geburt meines ersten Kindes, meines Sohnes John.“ Das ist natürlich ein Riesenmoment und ein unvergleichliches Gefühl, das ich als dreifacher Vater absolut verstehe. Doch dieser spezifische Glücksrausch, als er im dritten Anlauf mit „Merci Chérie“ den Grand Prix in Luxemburg gewann – diesen Zustand beschrieb er als etwas ganz Eigenes, fast Unvorstellbares. Nichts reichte jemals an das Gefühl heran, das er in diesem Moment auf der Bühne empfand.
Er hat hart für diesen Sieg gekämpft. Stimmt es, dass Ihr Vater gar nicht mehr antreten wollte, weil er nicht mehr an seinen Erfolg glaubte?
Ja, nach zwei Anläufen war er eigentlich entmutigt. Es war sein Manager Hans Beierlein, der ihn massiv zur dritten Teilnahme drängte. Erschwerend kam hinzu, dass ab 1966 neue Regeln galten: Jeder Teilnehmer musste zwingend in seiner Landessprache singen. Udo empfand Deutsch oft als sperrig für internationale Hits – eine Sorge, die er schon bei seinen Vorjahresbeiträgen hatte. Seine Lieder „Warum nur, warum” (1964) und „Sag ihr, ich lass siegrüßen” (1965) belegten zwar Platz 6 und Platz 4, doch erst die englische Cover-Version „Walk Away“ von „Warum nur, warum“ wurde ein Welterfolg – und verschaffte ihm die finanzielle und künstlerische Freiheit, seine Zweifel zu überwinden und trotz der neuen Regeln ein drittes Mal anzutreten.
Hatte Ihr Vater Angst um seine Karriere, falls er beim dritten Mal nicht gewinnen würde?
Absolut. Er fragte sich: Schade ich meinem Ruf, wenn ich noch einmal antrete und vielleicht nur auf Platz acht lande? Das hätte das Ende seiner Karriere bedeuten können. Um dieses Risiko zu minimieren, suchte er nach einem internationalen Aufhänger. Obwohl er laut Regel auf Deutsch singen musste, wollte er einen Titel, der schön klingt und den jeder versteht – so wie man in der Schweiz das Wort „Merci“ verwendet. Seinem Texter Tommi Hörbiger fiel schließlich das entscheidende Wort „Chérie“ ein. Damit war die Idee zu „Merci Chérie“ geboren. Wenn zwei Kreative auf diese Weise zusammenfinden, entsteht manchmal etwas Unsterbliches.
Stimmt die Geschichte, dass Ihr Vater kaum glauben konnte, an diesem legendären Abend mit „Merci Chérie“ gewonnen zu haben?
Ja, er hielt die Anspannung während der Punkteverkündung einfach nicht aus. Nach zwei Anläufen ohne Sieg konnte er es nicht ertragen, womöglich wieder zu verlieren. Er verließ den Saal und wartete auf dem Gang – er wollte nichts hören und nichts wissen. Sein Fotograf Hansi Hoffmann lief unentwegt zwischen Saal und Gang hin und her und rief ihm zu: „Udo, du liegst vorne! Dein Vorsprung ist uneinholbar!“ Doch mein Vater blockte ab: „Ich will es nicht hören, sag es nicht!“ Erst als Hansi endgültig verkündete: „Du hast gewonnen!“, kam er zurück. Selbst als er unter Glückwünschen wieder am Klavier saß, um den Siegertitel erneut zu spielen, konnte er diesen Moment noch gar nicht fassen.“ Und genau da kam ihm dieser spontane Geistesblitz:
Statt nur den Songtext zu singen, schloss er das Lied mit der genialen Zeile ‚Merci, Merci,Merci, Jury‘ ab. Das war seine ganz persönliche und spontane Verbeugung vor diesem Sieg.
Der Sieg beim Grand Prix war ja erst der Anfang. Udo schaffte damit den internationalen Durchbruch…
Richtig. Von heute auf morgen war er damit ein Super-Star. Mein Vater tourte durch ganz Europa und später sogar bis nach Japan. Das Besondere war: Er hat seine Hits in unzähligen Sprachen von Französisch über Spanisch bis hin zu Japanisch – selbst eingesungen. Japanisch war eine besondere Herausforderung, aber er lernte diese Texte im Studio rein phonetisch anhand von Lautschrift. In seinem Nachlass habe ich über die Jahre in unzähligen Kisten wahre Schätze entdeckt, darunter die Aufnahme einer japanischen Künstlerin, „Mariko“. Sie coverte seinen Erfolgs-Hit ‚Was ich dir sagen will‘, was dort unter dem Titel ‚Wakage no Asa‘ ebenfalls ein riesiger Hit wurde. Es ist faszinierend zu sehen, wie weit seine Musik damals schon gereist ist.
Welche Musik haben Sie früher gehört?
In meiner Jugend habe ich eher Led Zeppelin und Pink Floyd gehört. Natürlich lief zwischendurch auch mal ‚Griechischer Wein‘, was für mich als Kind aber eher ein Schunkellied war. Es hat eine ganze Weile gedauert, bis ich die wahre Bedeutung begriffen habe. Heute bin ich unheimlich stolz darauf, dass mein Vater darin die Geschichte der Gastarbeiter erzählt und für ihre Akzeptanz gekämpft hat – für Menschen, die dieses Land mit aufgebaut haben, während sie oft verhöhnt oder weggewünscht wurden.
Welches ist Ihre Lieblingsversion auf der Single?
Als DJ feiere ich natürlich die Disco-Version, aber auch das Original bleibt ein Klassiker. Wobei es am Ende gar nicht so sehr auf die spezielle Version ankommt – das ganze Lied ist einfach unfassbar genial. Es gibt da eine Live-Aufnahme, die geht dermaßen ab: Er fängt ganz ruhig an, und plötzlich verwandelt sich das Ganze in eine Art Gospel-Disco-Nummer. Das Tempo zieht totalan, alle tanzen und er peitscht das Publikum so richtig auf. Diese Energie von den Leuten ist einfach Wahnsinn, das finde ich absolut mega.
Spüren Sie bei Ihren Auftritten als DJ eigentlich einen gewissen Druck, als Sohn von Udo Jürgens ständig seine Hits spielen zu müssen?
Eigentlich gar nicht. Ich darf demnächst in Wien im Rahmen des Eurovision Song Contest auf dem Rathausplatz vor 15.000 Leuten auflegen. Tatsächlich dachte ich anfangs, der Veranstalter erwartet von mir, dass ich als Sohn von Udo Jürgens den ganzen Abend nur seine Songs spiele. Aber die Antwort war total entspannt: „Nein, um Gottes Willen! Mach dein Ding, spiel deinen Funk, Soul und House – sei einfach du selbst.“ Das hat mich echt gefreut. Trotzdem werde ich natürlich in diesem ‘Udo-Jahr`, den einen oder anderen seiner Klassiker einbauen, denn so eine Disco-Version von ‚Merci Chérie‘ ist in so einem Set einfach der absolute Knaller. Ich bin sicher, dass die Leute da richtig abgehen (»lacht)«.
Der ESC kehrt zum 70. Jubiläum nach Österreich zurück. Sind Sie und Jenny involviert, vielleicht sogar für eine Hommage an Ihren Vater?
Um ehrlich zu sein: In die Hauptshow sind wir nicht eingebunden. Wir sind eher Teil des Rahmenprogramms, etwa als Gäste bei Barbara Schönebergers Pre-Shows. Dort geht es spielerisch um 70 Jahre ESC, wobei Tickets für das Finale verlost werden. Bisher war es so, dass wir noch nie offiziell zum ESC eingeladen wurden. Das lag sicherlich auch daran, dass es für uns als Kinder keinen direkten Anlass oder Bezug dazu gab. Umso schöner ist es, dass sich das in diesem besonderen Jubiläumsjahr offenbar ändert: In diesem Jahr sind wir erstmals zum ESC- Finale als Zuschauer eingeladen. Gleichzeitig sind wir im Rahmen des Jubiläumsjahres auch bei mehreren TV-Sendern zu Gast.
Gab es bei Ihnen zuhause die Tradition, den ESC gemeinsam zu verfolgen?
Nur hin und wieder. Ehrlich gesagt fiel es uns oft schwer, mit der Musik mitzugehen. Ich bin durch meinen Vater musikalisch anders geprägt worden; die Platten, die er mir als Kind mitbrachte, hatten mit dem Grand Prix gar nichts zu tun. Er war zwar stolz auf seinen Sieg, hat aber später mit dem Wettbewerb abgeschlossen, weil er die musikalische Entwicklung zunehmend mühsam fand. Man muss natürlich vorsichtig sein: Der ESC war sein Türöffner, und den will man nicht schlechtreden. Aber man muss auch ehrlich bleiben – vieles war uns schlicht zu trashig, auch wenn es immer wieder tolle Ausreißer gibt. Zudem haben wir meistens alle selbst gearbeitet, wenn die Show lief. Ich kann mich mal an einen Urlaub in Portugal erinnern, da haben wir uns an diesem ESC-Abend alle Pizza bestellt und uns vor den Fernseher gesetzt. Es war aber definitiv kein jährliches Familienritual.
Gab es ein Familienritual bei der Heimkehr Ihres Vaters von Tourneen? Was haben Sie dann gemeinsam unternommen?
Oft drängte das Management nach einer Tournee sofort mit neuen Terminen – Shows, Galas, Auftritte. Aber wenn er Zeit für uns hatte, egal ob zwischen zwei Jobs oder zu Hause, gab es feste Rituale. Sonntagnachmittags schauten wir oft Filme: Winnetou, alte Piratenfilme oder Klassiker wie Robin Hood. Später war die Formel 1 seine große Leidenschaft; als Freund von Niki Lauda und Jochen Rindt verpasste er kein Rennen. Wenn ich ihn in Zürich besuchte, lief eigentlich immer Sport: Tennis mit Steffi Graf, Fußball-Bundesliga oder Radsport. Ich erinnere mich, wie er gebannt vor der Tour de France saß, als Jan Ullrich siegte – ich setzte mich einfach dazu und fieberte mit. In Zürich genossen wir die Zeit auf seinem Motorboot auf dem See, doch in meiner Erinnerung gehörte Arbeit in dieser Zeit oft ganz selbstverständlich dazu: Gemeinsam öffneten wir Jutesäcke voller Fanpost und arbeiteten die Briefe ab. Das war einfach Teil unseres Alltags.
Was würden Sie als die größte Schwäche Ihres Vaters bezeichnen?
„Schwäche“ wäre fast zu hart formuliert, da er vielleicht gar nichts dafür konnte – mein Vater wirkte oft etwas entrückt und war zwischendurch einfach gedanklich abwesend. Er hatte ständig Musik im Kopf. Auch seine Mutter hatte ihm einmal vorgeworfen, nicht ganz da zu sein; darauf entgegnete er: „Du hast keine Vorstellung davon, wie es ist, wenn man ununterbrochen Melodien hört.“ Man konnte das oft beobachten: Seine Finger trommelten auf dem Tisch, sein Fuß wippte im Takt oder er nickte geistesabwesend, als würde er einem inneren Rhythmus, einer Baseline oder einer neuen Idee folgen. Während die Welt um ihn herum ablief, lief bei ihm im Hintergrund immer sein eigener Film. Das war sicher anstrengend – für ihn selbst, aber auch für uns.
Warum berührt „Merci, Chérie“ die Menschen auch nach 60 Jahren noch so tief?
Das Lied thematisiert den respektvollen Abschied – dieses „Danke für die schöne Zeit, aber mein Weg geht woanders weiter“. Es steckt voller Wehmut und Drama, meisterhaft komponiert. Fast jeder hat das wohl schon erlebt: Man erkennt, dass ein Mensch wunderbar ist, aber eben nicht für das ganze Leben. Man will nichts Böses, sondern sagt einfach ‚Merci‘ für die gemeinsamen Stunden. Das hat die Menschen damals wie heute im Kern berührt. Warum genau? Das müsste man die Hörer selbst fragen. Für mich persönlich ist es ohnehin etwas Besonderes und hochemotional – es ist mein Vater und eines seiner stärksten Werke. Das Lied gehört definitiv zu meinen Favoriten, auch wenn es mir bei seinem riesigen Repertoire schwerfällt, mich auf eine Top 10 festzulegen. Da gibt es auch im Verborgenen noch so viele Schätze.
Inwieweit waren Sie als Familie oder Verwalter des Erbes in die Entscheidung eingebunden, dass die Sängerin LEA eine eigene Version von ‚Merci Chérie‘ aufnimmt, und was hat Sie an ihrer Interpretation besonders berührt?
Wir waren in den Entscheidungsprozess selbstverständlich eingebunden und finden ihre Version von ‚Merci Chérie‘ sehr schön. Mit ihrer sehr speziellen Version findet sie einen ganz eigenen Zugang zu diesem besonderen Lied. Durch das bewusst reduzierte Arrangement und die interessante Instrumentarisierung hat sie eine sehr persönliche Interpretation geschaffen, ohne dabei zu versuchen unseren Vater zu kopieren, sondern sie hat etwas Eigenes daraus gemacht. Das hat mich besonders berührt, gerade weil ihre Stimme dadurch im Mittelpunkt steht und eine große Intimität entsteht.
Sowohl Ihr Vater als auch LEA gelten als Künstler, die ihre Seele in ihre Musik legen und für absolute Authentiziät stehen. Wäre eine Zusammenarbeit zwischen Ihrem Vater undeiner Künstlerin wie LEA, die ja ebenfalls eine sehr starke songwriterische Handschrifthat, ein Projekt gewesen, das er sich hätte vorstellen können?
Das bleibt natürlich eine hypothetische Frage, denn wir können meinen Vater heute nicht mehr selbst dazu befragen. Aber er hatte immer großen Respekt vor Künstler/-innen, die wie er selbst mehr konnten als nur zu singen, also auch Instrumente spielen und auch komponieren. Vor solchen Musikerinnen und Musikern hat er den Hut gezogen, weil er diese Begabung und dieses Können sehr geschätzt hat. Insofern kann ich mir also gut vorstellen, dass eine Zusammenarbeit mit LEA für ihn sehr spannend gewesen wäre.
„Merci“ bedeutet danke. Wofür empfinden Sie in Ihrem Leben die größte Dankbarkeit?
Zuerst einmal bin ich dankbar für die Gesundheit – meine eigene und die meiner Familie. Und ich bin sehr dankbar für meine Familie. Ich bin froh, dass ich das mit meiner Frau und unseren drei Kindern so auf die Reihe bekommen habe. Das ist ja nicht selbstverständlich. Das wir dieses Familienglück über fast 30 Jahre so stabil halten konnten, erfüllt mich mit großer Dankbarkeit.
Ihr Vater war in Beziehungen zeitlebens ein Suchender. Wie hat er vor diesem Hintergrund auf Ihre Beständigkeit und Treue geblickt?
Mein Vater hat unsere Ehe über fast zwei Jahrzehnte hinweg beobachtet und war sehr stolz darauf. Er hat oft zu mir gesagt: „Mensch, wie du das mit der Familie machst – ich konnte das nicht.“ Ich habe ihm dann geantwortet, dass er eben einen anderen Weg gewählt hat. Für Jennyund mich war das okay, auch wenn wir ihn natürlich schon vermisst haben. Wir haben akzeptiert, dass für ihn die Musik an erster Stelle stand. Die Familie war sein Rückzugsort, aber sein Herz schlug eben voll und ganz für die Bühne – das war für ihn schlicht nicht anders möglich.
Glauben Sie, er hätte diesen Erfolg sonst nicht gehabt?
Wahrscheinlich nicht in dieser Form. Wer weiß schon, wie sich ein Leben entwickelt, wenn man andere Prioritäten setzt? Als Familie war das alles nicht immer leicht, und mein Kinderherz hat immer mal gelitten. Dass mein Vater so häufig unterwegs war, war emotional belastend. Aber dennoch: Eine Garantie für Familienglück gibt es nie – auch Ehen, in denen der Vater einen geregelten Bürojob hat, zerbrechen. Am Ende muss jeder seiner Leidenschaft folgen, um glücklich zu werden. Wenn man so eine Berufung spürt und einen Partner findet, der das akzeptiert, dann muss man diesen Weg gehen. Ich bin sehr stolz auf meinen Vater. Er war ein Ausnahmekünstler, ein echtes Genie, das schon als Kind schnell Instrumente lernte und komplexe Stücke komponierte – keine `Lala-Musik.` Er war in seiner Kunst schlicht zu anspruchsvoll.
Das hat es sicher nicht leicht gemacht, ihn PR-mäßig zu vermarkten?
Sein Manager Hans Beierlein stand anfangs tatsächlich vor der Frage: Wie verkaufe ich diesen Mann? Seine Lieder waren eigentlich zu anspruchsvoll und nicht kommerziell genug. Beierlein hatte dann einen genialen Einfall: Er nutzte Udos Erfolge im Ausland – wo Stars wie Matt Monroe, Shirley Bassey oder Nancy Wilson seine Lieder sangen – und präsentierte ihn bei der Rückkehr als den gefeierten Heimkehrer. Es ist ja heute noch so: Der Prophet im eigenen Land gilt oft nichts, aber wer es im Ausland schafft, wird hierzulande erst recht bewundert. Beierlein ließ Udo einfach machen, auch bei den anspruchsvolleren Stücken jenseits des klassischen Schlagers. Wenn man heute bei „17 Jahr, blondes Haar“ mal die `Schlager-Brille` absetzt und auf den Drive, die Disco-Gitarre und den Groove hört, merkt man: Das ist internationaler Standard und hat wahnsinnigen Druck. Wir neigen dazu, eigene Künstler zu unterschätzen, aber wie viele Musiker von Udos Format, die sich selbst ans Klavier setzen und solche Weltklasse-Kompositionen schreiben, hatten wir in Deutschland eigentlich?
Musik war für Ihren Vater kein Job, er brannte regelrecht dafür. War sie das Lebenselixier, ohne das er nicht existieren konnte?
Er konnte gar nicht anders, als Musik zu machen. Es ging ihm nie darum, berühmt zu werden oder viel Geld zu verdienen. Es war schlicht sein Ventil: Sein Innerstes, alles, was ihn bewegte, musste aus ihm heraus. Zuerst fand er dieses Ventil am Klavier; die Idee mit dem Gesang kam erst viel später. Er selbst hielt seine Stimme anfangs für ungeeignet – zu blechern, zu hart, zu brachial. Wenn man ihn heute bei manchen Liedern mit voller Kraft in die hohen Töne gehen hört, versteht man, was er meinte. Aber er besaß eine enorme Bandbreite: Er konnte diese brutale Kraft rauslassen, aber in den leisen Momenten auch wieder ganz sanft werden. Musik war für ihn keine Spielerei, sie war eine Notwendigkeit. Natürlich musste er auch Geld verdienen, aber dafür gab es einen Plan B: Hätte es mit dem Singen nicht geklappt, wäre er eben Komponist für andere geblieben.
Es gab sicher auch einen gewissen Erwartungsdruck vonseiten seines Vaters, oder?
Der Druck war spürbar. Die Familie war vom Unternehmertum geprägt – seine Brüder gingen in die Wirtschaft, ein Onkel war bei BP, der andere war Bürgermeister von Frankfurt. Da passte jemand, der ‚am Klavier rumklimperte‘, eigentlich nicht ins Bild. Doch mein Großvater war letztlich sehr verständnisvoll mit ihm. In einem entscheidenden Moment sagte mein Vater ihm als junger Mann mit 18 Jahren ganz ernst ins Gesicht: „Papa, egal welchen Weg ich gehe – ich werde immer an diesem Klavier sitzen und Musik machen. Ich kann und will nichts anderes.“ Mein Großvater akzeptierte das, forderte aber: „Dann lern es richtig im Konservatorium.“ So studierte er erst in Klagenfurt und Salzburg, später sogar an der Juilliard School in New York, wo auch Legenden wie Miles Davis waren. Er lernte sein Handwerk von der Pike auf. Er gehörte zur altenSchule: Er konnte an eine Melodie denken, sie kurz anspielen und die Noten dazu sofort mit dem Bleistift aufschreiben. Das war sein wahres Fundament.
Neben der Verantwortung für das große Erbe Ihres Vaters sieht man Sie immer noch an den DJ-Decks. Sie müssten sicher nicht mehr arbeiten – was treibt Sie also heute noch an?
Im Grunde treibt mich dieselbe Leidenschaft an wie meinem Vater: Warum habe ich diesen Job ursprünglich angefangen? Weil ich Musik liebe. Es ist schade, dass viele beim Thema Erbe nur an das Geld denken. Für mich bedeutet es vor allem eine enorme Verantwortung – es geht darum, sein Lebenswerk zu bewahren. Egal, ob es um langfristige Visionen für sein Werk, ein neues Cover oder eine Picture Disc geht – die entscheidende Frage bleibt immer: „Was würde Papa dazu sagen? Würde es ihm gefallen?“ Reichtum allein macht nicht glücklich. Meine Frau und ich hatten Zeiten, in denen wir kaum die Miete zahlen konnten – und doch war es eine unserer glücklichsten Phasen. Wenn ich mir die Fotos von damals ansehe, wie wir mit den Kindern im Englischen Garten saßen oder zu Hause mit Freunden, wird mir klar: Wahres Glück hat nichts mit dem Kontostand zu tun.“ Viele Lottomillionäre sind nach drei Jahren pleite, weil sie ihr Geld in Ferraris oder Porsches stecken. Am Ende sind das alles nur Gegenstände – die niemals eine echte Erfüllung bieten können.
Viele Menschen stellen sich das Leben als Erbe eines Superstars sicher sehr entspannt vor – wie sieht Ihre Realität tatsächlich aus?“
Die Leute haben oft falsche Vorstellungen. Wir sind eher konservativ eingestellt: Wir wollen das Erbe bewahren und an die nächste Generation weitergeben. Bis es so weit war, mussten wir aber erst einmal durch eine harte Zeit gehen, geprägt von Nachlassstreitigkeiten unter den Beteiligten. Das wird häufig unterschätzt. Klar, rein finanziell müsste ich vielleicht nicht mehr arbeiten. Aber ein musikalischer Nachlass liegt brach, wenn man ihn nicht aktiv ‚beackert‘. Das Erbe besteht ja vor allem aus Rechten, die bespielt werden wollen. Wenn ich einen coolen DJ wie „Folamour“ in Frankreich für einen Remix von ‚Peace Now‘ gewinne, wird Udos Musik in die Welt hinaus getragen. Das passiert nicht von alleine. Wir ruhen uns nicht auf dem Erbe aus – da würde uns Papa auch zu Recht die Leviten lesen! Wir haben dieses Los vom Leben zugespielt bekommen und empfinden es als Privileg, dieses wunderbare Werk weiterzuführen.
Haben Sie das Gefühl, dass die Buchungsanfragen zurückgegangen sind, weil die Leute denken, Sie hätten es nicht mehr nötig?
Ja, das ist ein echtes Missverständnis. Viele glauben, ich würde nicht mehr als DJ arbeiten oder sei mittlerweile unbezahlbar. Dazu kam natürlich noch die Corona-Zeit, in der ohnehin alles pausierte. Aber ich bin DJ aus Leidenschaft und stehe nach wie vor gerne hinter dem Pult. Was den Preis angeht: Wir sind immer auf dem Teppich geblieben. Natürlich stieg die Gage früher mit der Nachfrage, aber wir haben uns irgendwann auf einem realistischen Level eingependelt. Wer nicht nachfragt, erfährt es eben nicht – ich poste meine Preise ja nicht in den sozialen Medien. Auch wenn ich nicht mehr 32 oder 42 bin: Mit 62 kann man genauso viel Spaß haben und an der ein oder anderen Stelle reiße ich schon noch mal ein paar Partys ab. Wenn man mich bucht, komme ich und spiele mit vollem Einsatz. Ich mache das einfach immer noch wahnsinnig gerne.“
Ihr Vater liebte seine Rückzugsorte im Süden. Könnten Sie sich vorstellen, Deutschland einmal ganz zu verlassen?
Komplett wegzuziehen, kann ich mir aktuell nicht vorstellen, obwohl mich die gesellschaftliche Stimmung oft umtreibt. Als ‚interracial‘ Familie erleben wir leider immer noch Rassismus – in Deutschland genauso wie in der Schweiz. Erst neulich in Zürich gingen zwei junge Männer an meiner Frau und mir vorbei und einer rief uns direkt ins Gesicht: „Danke nochmal für Corona!“ Da ist man einfach nur sprachlos. Besonders für meinen Sohn ist es schwer. Unsere Töchter bleiben von solchen direkten Anfeindungen meist verschont, aber Dennis bekommt diesen Alltagsrassismus voll ab. Früher schon mit 13 auf dem Fußballplatz, wo er als Schlitzaugebeschimpft wurde. Heute feiern die jungen Leute zusammen ausgelassen Partys und am anderen Morgen kommen dann diese herablassenden Fragen, ob seine Eltern einen Sushi- Laden hätten, oder Gleichaltrige im Club, die sich die Augen zu Schlitzen ziehen. Das sind junge Leute zwischen 25 und 30! Da frage ich mich fassungslos: Aus was für einem Elternhaus kommen die? In welcher Zeit leben wir eigentlich? Wir haben weltweit so viele Probleme, die wir nur gemeinsam lösen können. Dass Herkunft und Aussehen immer noch für solche Gehässigkeiten herhalten müssen, macht mich einfach nur traurig. Schaut man dann auf die deutsche Politik – oft ohne Charisma, ohne echte Vorbilder –, stimmt mich das wenig zuversichtlich. Die Bereitschaft, dieses System dauerhaft mitzutragen schwindet. Vielleicht muss ich ernsthaft über einen Plan B nachdenken.
Welche Wünsche möchten Sie sich künftig gerne erfüllen?
Reisen steht ganz oben – Orte und Länder, die wir noch gemeinsam entdecken wollen. Am liebsten als „La Familia Grande“, also alle an Bord, aber natürlich auch mal als Ehepaar allein. Die Kinder haben ja zunehmend ihr eigenes Leben, auch wenn wir es jetzt noch immer wieder zusammen hinbekommen. Ich war zum Beispiel noch nie in Südamerika. Japan und Korea haben wir zum Glück schon geschafft. Mir geht es beim Reisen vor allem darum, die Welt besser zu verstehen und zu erleben, wie man anderswo aufgenommen wird. Meine persönliche Priorität ist aber ganz klar meine Gesundheit. Ich möchte meine Familie einfach noch lange begleiten und so viele Enkelkinder wie möglich aufwachsen sehen – und das fit und gesund.
Haben Sie für die Gesundheit Ihre Gewohnheiten geändert?
Radikale Umstellungen brauchte ich nicht, aber ich habe Alkohol fast komplett gestrichen – ein Glas Wein alle paar Wochen ist die Ausnahme, ansonsten trinke ich viel stilles Wasser. Sport
steht für mich an erster Stelle: Fahrradfahren, Mobilität, Dehnung und der Erhalt der Muskulatur. Ich möchte nicht zu viel Gewicht mit mir herumschleppen; das ist Gift für die Gelenke und das Herz. Diese Disziplin praktiziere ich schon lange. Früher gab es nach dem Oktoberfest oft ein Formtief, heute ziehe ich das Training bis Ende Dezember voll durch. Aber ich bin auch kein Superhero und muss mich überwinden. In der Weihnachtszeit lasse ich mich zwar kurz gehen, esse auch mal ein paar Kekse, aber sobald ich wieder meine Stellschrauben drehe – Weißbrot weg, Schokolade weg –, wird die gesunde Wahl im Supermarkt schnell wieder zur Gewohnheit. Meine Frau hat recht damit, wenn sie sagt: Man braucht etwa 90 Tage, um eine Gewohnheit zu ändern. Wenn ich das durchziehe, schaffe ich es auch über Wochen, abends keine Schokolade zu essen. Ein Rückfall dauert dann nur einen Abend, keine Wochen mehr. Diese Haltung habe ich von meinem Vater gelernt. Udo achtete extrem auf seine Figur, seine Ernährung und eine gute Ausstrahlung auf der Bühne. Er liebte es zu schwimmen, und seine simple Prämisse war:`Von allem etwas weniger.`Das ist heute auch mein Weg, die Kontrolle über die eigenen Gewohnheiten zu behalten – und mich jung zu fühlen!
»Das Interview führte Martina Mack.«
Interview mit Jenny Jürgens
Jenny, vor 60 Jahren gewann Ihr Vater, Udo Jürgens, mit „Merci Chérie“ den ESC. Welche persönlichen Erinnerungen verbinden Sie mit dem Lied?
Es war nach drei Anläufen sein großer internationaler Durchbruch. Da das Lied schon vor mir existierte, begleitet es mich eigentlich mein ganzes Leben. Doch die wahre emotionale Tiefe habe ich erst als Erwachsene begriffen. Als Kind hielt ich es für einen simplen Schlager und habe es einfach mit der Musik meines Vaters assoziiert. Aber wenn man älter wird und eigene Erfahrungen sammelt, klingen Zeilen wie „Kein Meer ist so wild die Liebe“ ganz anders. Heute weiß ich: Es ist eines der ganz großen Liebeslieder.
Wie hat Ihr Vater den ESC damals erlebt und was erzählte er darüber?
Sicher haben wir darüber gesprochen. Er war damals extrem nervös, weil er nach zwei Niederlagen eigentlich nicht noch einmal antreten wollte – das hatte seine Euphorie gebremst. Man musste ihn überreden, doch dann hat es geklappt und er war überglücklich. Später wurde sein Verhältnis zum ESC jedoch distanzierter. Als er 1966 gewann, standen noch das Lied, die Komposition und der Gesang im Vordergrund. Udo allein am Klavier, auf dieser riesigen Bühne. Heute ist durch das Internet alles schriller und „drüber”: Die Show muss sexy sein – mit Tänzern, spektakulären Kostümen. Diese Entwicklung hat meinem Vater nicht gefallen.
Was hat Sie zur Picture-Disc-Edition von „Merci Chérie 60” inspiriert?
Die Picture Disc soll ein Schmankerl sein, wie man in Bayern so schön sagt.
Wir wollten den Fans zum 60. Jubiläum von „Merci Chérie“ etwas Besonderes geben, worüber sie sich freuen. Eine Art Verneigung vor dem Song. Da wir uns ja nun im 70. ESC-Jahr befinden, war das der perfekte Moment, das Lied mit den wunderbaren Fotos von Hansi Hoffmann zu verbinden. Die Kirsche auf der Sahnetorte sind bei dieser Picture Disc aber die vielen internationalen Versionen auf verschiedenen Sprachen, sogar auf japanisch. Vieles davon werden die Fans nicht kennen. Ich wusste zum Beispiel selbst bis vor Kurzem nichts von der Disco-Version – die hatte ich davor wirklich noch nie gehört und ich finde sie super.
Es gibt ein Foto von Ihnen vor einem „Wir sind Song Contest“-Plakat. Haben Sie in der Familie früher die ESC-Show immer angesehen?
Nein, wir haben es nicht regelmäßig gesehen – auch mein Vater nicht, was ich verstehe. Papa hatte eine konservative Seite; ihm ging es wie gesagt vor allem um die Lieder und um die Musik. Was in manchen Jahren dort zu hören und zu sehen war, waren zum Teil extrem schrille Auftritte. Wir waren nun aber in Wien bei der Aufzeichnung der ORF-Show „Wir sind Song Contest“ dabei, wo auch das Foto entstand.
Der ORF hat zur Einstimmung auf den ESC drei Pre-Shows produziert, moderiert von Barbara Schöneberger. Wir sind in der ersten Ausgabe mit Johnny Logan und der Sängerin Beatrice Egli zu sehen. Die eigentliche Live-Show werde ich allerdings gemütlich von der Couch aus verfolgen, und nicht vor Ort in Wien sein.
Welche Art von Musik hören Sie persönlich gerne?
Ich bin ein Fan von Soul-Funk, Jazz-Funk, Groove, R’n’B. Das kommt beim ESC eigentlich überhaupt nicht vor. Aber eine Sache habe ich gelernt – oder ich bemühe mich zumindest darum: Ich versuche, die Songs so zu hören, wie ein Fan es tun würde – auch die Lieder meines Vaters. Ich gehe also nicht immer nur nach meinem ganz persönlichen Musikgeschmack. Bei den ESC-Songs ist es manchmal hilfreich, einfach die Augen zuzumachen und sich wirklich nur auf das Lied zu konzentrieren. Dann überlege ich mir: Welcher Song ist wirklich ESC-tauglich? So kann ich einen Song richtig super finden, ohne dass ich ihn mir privat zu Hause auflegen würde. Man muss es eben mit ESC-Ohren hören und nicht mit Jenny-Ohren (lacht).
Sie haben erzählt, dass Sie eine kleine Wohnung in Wien haben. Gehen Sie immer an das Grab Ihres Vaters, wenn Sie in der Stadt sind?
Ich gehe nicht jedes Mal zum Grab, wenn ich in Wien bin, aber einmal im Jahr zieht es mich dorthin – das muss auch gar nicht am Todestag sein. Einmal war es dort so voll, dass ich nur aus der Ferne geschaut habe. Ich muss nicht zwingend direkt davor stehen, zumal mich dort oft Leute ansprechen. Das ist zwar meistens sehr lieb gemeint, aber je nach eigener Verfassung ist mir nicht immer nach einem Gespräch. Eigentlich brauche ich ohnehin kein Grab, um mich innerlich kurz mit Papa zu verbinden. Dennoch ist es mir wichtig, einmal im Jahr für mich allein eine Rose dort abzulegen. Dafür wähle ich dann meist Uhrzeiten, zu denen es ruhiger ist.
Ihr Vater ist mit dem Song „Merci Chérie“ über Nacht zum Super-Star geworden und war danach ständig unterwegs. Waren Sie eher stolz, ihn im Fernsehen zu sehen – oder waren Sie traurig, weil Sie ihn vermisst haben?
Wir waren einfach stolz, ihn im Fernsehen zu sehen. Als Kind habe ich das überhaupt nicht als Verlust empfunden – ich kannte es ja nicht anders und ich bin so aufgewachsen. Heute sehe ich das natürlich differenzierter. Ich werde im Januar 60 und blicke mit mehr Erfahrung auf unsere Familiendynamik, auf die Verluste und die emotionalen Themen bei uns zurück. Rückblickend muss ich sagen: Natürlich hat diese ständige Abwesenheit etwas mit meinem Bruder John und mir gemacht. Das ist ja logisch. Aber wenn ich jetzt tiefer darauf eingehe, sitzen wir hier in einer Psychostunde (lacht). Es hat uns schon geprägt, aber als Kind kann ich mich nicht erinnern, gejammert zu haben: „Mama, warum ist der Papa nicht da.“ Meine Mutter war ja immer für uns da.
Ihr Vater wurde überall von Fans umringt, auch wenn Sie privat unterwegs waren. Wie war das für Sie als Kind, dass Sie ihn immer teilen mussten?
Gewöhnt habe ich mich nie daran, ich habe es eben akzeptiert. Aber ich muss sagen: Neben tollen, kultivierten und respektvollen Fans gibt es leider auch viele übergriffige, die glauben, der Künstler gehöre ihnen. Manchmal hatten sie durch das Hinterherreisen zu den Konzerten oft mehr von Udo als wir. Mich stört dieser Anspruch an uns, die Kritik: „Warum macht ihr dies so, warum ist jenes so?” Auf die Fanseiten im Internet darf ich gar nicht erst gehen, da kriegt man die Krise, was da zum Teil geschrieben wird. Ich halte mich davon fern, weil es mich triggert – dieser Glaube: „Der Udo gehört uns und wir dürfen uns erlauben, alles zu kritisieren. Da muss ich ehrlich sagen: Diese Art von Fans sind gelegentlich etwas schwierig. Demgegenüber stehen jedoch die wunderbaren Fans, für die wir all das gerne tun. Natürlich basiert Udos Erfolg zum Teil auf seinen Fans, aber eben nicht nur – im Kern stand immer seine eigene Kreativität und sein unermüdliches Schaffen.
Die Fans waren dabei die tragenden Pfeiler, auf denen dieses Lebenswerk ruhte. Deshalb ist uns eine positive Fanpflege auch so wichtig. Aus diesem Grund machen wir immer weiter. Mit Projekten wie der aktuellen Vinyl-Picture-Disc möchten wir die Erinnerung an Udo lebendig halten.
Zum 60. Jubiläum von ‚Merci Chérie‘ hat die Sängerin LEA eine ganz eigene, moderne Version dieses zeitlosen Klassikers aufgenommen. Wie fühlt es sich für Sie an zu sehen, dass die Musik Ihres Vaters auch sechs Jahrzehnte später noch junge, erfolgreiche Künstlerinnen inspiriert, seine Lieder neu zu interpretieren?
Udos Musik hat alle Generationen berührt – das war eine seiner vielen musikalischen Stärken. Natürlich finde ich es wunderbar, wenn eine junge, begabte Künstlerin dem Song eine ganz eigene Note verleiht und ihn somit jungen Menschen nahebringt.
Ihr Vater war bekannt für seine Präzision und die tiefe Emotion in seinen Kompositionen. LEA hat nun ihre ganz persönliche Note in ‚Merci Chérie‘ eingebracht – was hätte Ihrem Vater an dieser modernen, weiblichen Perspektive auf seinen wohl größten Triumph am meisten gefallen?
Ich kann nicht für meinen Vater sprechen – das habe ich auch nicht zu Lebzeiten getan. Deshalb nur so viel. Mein Vater hätte es immer schön gefunden zu sehen, dass seine Musik weiterlebt. Und das ist auch das Bestreben der Familie.
Warum glauben Sie, dass die Menschen auch nach 60 Jahren noch so gerne das Lied „Merci Chérie” hören?
Die große Qualität und Strahlkraft von Udo lag darin, dass er unglaublich zeitlose Songs geschrieben hat. Er konnte die Menschen über alle Generationen hinweg abholen. Vom jungen bis zum alten Menschen wurden diese Textzeilen und Melodien als absolut authentisch empfunden. Deshalb glaube ich, dass sie heute noch genauso ankommen und diesen hohen Stellenwert haben. Das ist eben kein ‘schlichter Schlager’, den man irgendwann einfach abtut – obwohl manche Leute genau das natürlich lieben.
Aber seine Texte haben eben immer den Finger direkt in ein Gefühl gelegt. Das Lied hat auch eine schöne Botschaft: Es geht darum, dankbar für die gemeinsame Zeit zu sein – selbst wenn eine Liebe zu Ende.
Stichwort Dankbarkeit: Wofür sind Sie dankbar in Ihrem Leben?
Dankbarkeit ist für mich eine der wichtigsten Haltungen, die ich in meinem Leben pflege. Ich weiß sehr genau, wo ich stehe und was mir geschenkt wurde. Aber vieles wurde mir eben auch nicht geschenkt – und das ist etwas, das viele Menschen bei mir oft übersehen. Für vieles musste ich wirklich kämpfen. Ich halte mich meist zurück, über Schwierigkeiten zu sprechen, weil dann schnell der Vorwurf kommt: „Ach, Jammern auf hohem Niveau.”
Alles wird oft der Tatsache untergeordnet, dass ich geerbt habe. Das empfinde ich manchmal als ungerecht, denn natürlich gibt es auch in meinem Leben emotionale Höhen und Tiefen – völlig unabhängig vom Erbe. Sonst hätte ja kein Mensch, der im Wohlstand lebt, emotionale Sorgen – und das stimmt einfach nicht. Unterm Strich bin ich vor allem dankbar für die Unabhängigkeit, die ich jetzt mehr denn je leben darf.
Das heißt, Sie können es sich heute erlauben, auch mal ‘Nein’ zu sagen…
Die größte Freiheit ist wahrscheinlich die Freiheit, ‚Nein‘ sagen zu können. Jahrzehntelang habe ich ‚Ja‘ gesagt – auch zu Dingen oder Shows, auf die ich eigentlich keine Lust hatte. Damals musste man das fast tun, weil es noch richtige Gagen gab; in den 80ern und 90ern bekam man für eine Show noch ein paar Tausend Mark. Heute gibt es oft nur noch Aufwandsentschädigungen. Bei den großen öffentlich-rechtlichen Sendern bekommt man zwar noch Gagen, aber die behalte ich nicht für mich: Ich spende sie an meine Initiative ‚Herzwerk – aktiv gegen Armut im Alter‘.
Deshalb bestehe ich auch auf einer Gage, um sie direkt weitergeben zu können. Es ist ein Privileg, heute komplett selbst entscheiden zu können, in welche Richtung jeder Tag geht: Möchte ich einen Job machen – ja oder nein? Danach handle ich. Mir ist sehr bewusst, dass viele Menschen diese Wahl nicht haben. Ich bin nicht betriebsblind; ich sehe genau, was für ein Kampf das Leben für viele ist – der Stress mit bezahlbarem Wohnraum, der Arbeit, Kinder erziehen und dem Geldverdienen. Ich weiß, dass das für viele eine echte Mühsal ist.
Wie wichtig war es Udo, dass seine Kinder den Wert des Geldes verstehen?
Es war ihm sehr wichtig, dass wir einen vernünftigen Bezug zu Geld entwickeln. Bei Zuwendungen war er durchaus streng. Ich bin ja sehr früh von zu Hause ausgezogen, schon mit 17, weil ich unbedingt zu meinem Bruder John nach München wollte – wir hingen extrem aneinander. Meine Eltern gaben mir damals eine Sondergenehmigung, auch wenn ich heute rückblickend sagen muss: ‚Du meine Güte, das war wirklich früh!‘
Ich weiß nicht, ob ich das meinen Kindern erlaubt hätte, aber es ist ja gut gegangen. In München mussten John und ich uns dann extrem einschränken. Mein Vater bezahlte zwar die Miete, aber zum Leben hatte ich gerade einmal 300 Mark im Monat. Davon mussten wir in einer Stadt wie München klarkommen. Da haben wir uns wirklich reduziert – es gab viel Mirácoli. (lacht)
Wie sehr hat der damalige Verzicht Ihre heutige Einstellung zu Geld?
Ich glaube, das war gut so, ich gehe heute noch nicht verschwenderisch mit Geld um. In München habe ich andere Kinder kennengelernt – Sprösslinge großer Modehäuser, die mit 19 im Mercedes SL vorfuhren und in Discos mit Magnum Champagnerflaschen um sich warfen. Ich fragte John damals: ‚Haben die überhaupt noch einen Antrieb, etwas zu erreichen?‘ Natürlich können Kinder reicher Eltern Karriere machen, sie bekommen eben viel Vitamin B.
Das hatte ich natürlich auch: Ohne den Namen Jürgens hätte ich vermutlich nie meinen ersten Film gedreht. Ich war keine große Schauspielerin – ich war jung, hübsch und hatte den Namen Jürgens. Das reichte für Fernsehrollen. Ich verstehe jeden Schauspieler, der sich durch die Schauspielschule und Theaterabende quält und sich dann denkt: ‚Na toll, schau dir das an.‘
Vor kurzem haben Sie ein Kinderfoto von sich gepostet mit dem Text: ‘Aus eigenwilligen Mädchen werden starke Frauen.’ Wie eigenwillig waren Sie?
Ich war schon ziemlich eigenwillig. Wenn meine Mutter heute davon erzählt, fängt sie meistens an zu stöhnen. Ich war zwar ein braves Kind und hätte mir nie getraut, frech oder respektlos zu meinen Eltern zu sein, aber wenn ich mir etwas in den Kopf gesetzt hatte, entwickelte ich diesen Tunnelblick – manche nennen es wohl Renitenz. Das ist bis heute so geblieben. Mein Mann David ist zum Glück sehr geduldig, aber ich glaube, manchmal ist es anstrengend für ihn. Meistens bin ich sehr glückselig und lieb, aber ich habe eben eine dominante Seite, was sicher auch daran liegt, dass ich für vieles in meinem Leben selbst kämpfen musste.
Lag das auch daran, dass Sie früh auf sich allein gestellt waren?
Ja, ich musste schon sehr früh entscheiden, wie und wo ich leben will. Da meine Eltern im Ausland und stark mit sich selbst beschäftigt waren, habe ich vieles allein gemanagt. Das hat früh eine enorme Energie in mir freigesetzt, obwohl ich damals noch gar nicht so gefestigt war. Früher war es mir extrem wichtig, gemocht zu werden; ich wollte einfach gefallen. Deshalb habe ich oft ‚Ja‘ gesagt, obwohl ich eigentlich ‚Nein‘ meinte.
Heute ist das anders: Der Drang, um jeden Preis gefallen zu wollen, hat stark abgenommen. Ich finde es zwar immer noch angenehm, wenn man mich mag, aber nicht mehr um den Preis meiner Selbstbestimmung. Heute traue ich mich, höflich, aber bestimmt ‚Nein‘ zu sagen – auch auf die Gefahr hin, jemandem mal auf den Schlips zu treten.“
Mit Ihrer Initiative „Herzwerk” geben Sie älteren Menschen eine Lobby. Warum liegt Ihnen gerade der Kampf gegen Altersarmut so am Herzen?
Viele engagieren sich für Kinder oder Tiere – was großartig und wichtig ist. Aber für ältere Menschen treten vergleichsweise wenige ein. Vielleicht finden manche das Thema nicht ‚attraktiv‘ genug für die Öffentlichkeit, aber ich sehe das anders. Ich finde es sogar sehr wichtig, denn das Alter betrifft uns am Ende alle selbst.
In südlichen Ländern, wie Ihrer Wahlheimat Mallorca hat die Familie noch einen hohen Stellenwert. Wie geht man dort mit älteren Menschen um?
Der familiäre Zusammenhalt ist dort spürbar stärker, aber es gibt auch einen enormen Druck, die Eltern zu Hause zu betreuen, wenn sie alt sind. Das hat nicht nur positive Seiten für die Familien. In Spanien fehlen schlichtweg die Kapazitäten: In einem Ort wie Sóller gibt es meines Wissens nur ein einziges Heim. Zudem ist die stationäre Pflege dort – genau wie in Deutschland – unglaublich teuer.
Oft heißt es vorschnell, alte Menschen würden heute einfach ‚ins Heim abgeschoben‘. Das stimmt so nicht. Die wenigsten können sich das überhaupt leisten, sofern kein hoher Pflegegrad vorliegt, bei dem ein Großteil der Kosten übernommen wird. Während in Deutschland etwa 86 Prozent der Pflegebedürftigen zu Hause versorgt werden, sind es in Spanien sogar 95 Prozent. Nur die wenigsten leben also tatsächlich in einer „Residencia.“ Und Angehörige zuhause zu pflegen ist eine riesige Herausforderung.
Wie sehr berühren Sie die Schicksale der Menschen, die Ihnen durch „Herzwerk” begegnen?
Diese Begegnungen gehen mir sehr unter die Haut. Wenn ich sehe, in welchen Situationen manche Menschen leben, wird mir mein eigenes Glück umso stärker bewusst: Dank des Erfolgs meines Vaters werde ich nie in eine solche Notlage geraten. Das löst eine unendliche Dankbarkeit in mir aus. Ich habe die Initiative vor 16 Jahren gegründet und im DRK Düsseldorf einen tollen Partner gefunden. Ich engagiere mich nicht nur zeitlich, sondern unterstütze ‚Herzwerk‘ auch jedes Jahr mit erheblichen privaten Mitteln. Normalerweise rede ich nicht darüber – aber es ist mir wichtig zu betonen: Ich bin kein reines ‚Pressegesicht‘, das hinter den Kulissen nichts damit zu tun hat. Es ist mein Projekt und ich sehe es als meine Pflicht an, wirklich etwas zu bewegen.
»Das Interview führte Martina Mack (Sony Music)«

























